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Wolfs-Schamanismus20. April 2026 · 6 Min Lesezeit

Der Große Wolf im SchamanismusEinheit mit der Weisheit der Natur

Der Große Wolf ist nicht das Krafttier aus dem Kartenset. Er ist ein Vermittler zwischen dir und der Weisheit der Natur, und in alten japanischen Legenden tritt er als Retter auf.

Wenn ich vom „Großen Wolf“ spreche, meine ich nicht einfach ein großes Tier. Ich meine ein Wesen, das in vielen Kulturen auftaucht und den Menschen mit etwas verbindet, das größer ist als er selbst, nämlich mit der Weisheit, die in der Natur lebt. Im Japanischen klingen zwei Wörter dabei genau gleich, 狼 (ōkami, Wolf) und 大神 (ōkami, großer Geist oder großer Kami). Ob das sprachgeschichtlich zusammenhängt, ist umstritten. Für die Verehrung des Wolfes in Japan spielt dieser Gleichklang aber bis heute eine große Rolle.

Dieser Artikel vertieft ein Thema aus der Wolfs-Übersicht „Der Wolf als Krafttier · drei Kulturräume“. Es geht darum, warum der Wolf in den alten japanischen Überlieferungen immer wieder als Retter und Wegweiser auftaucht.

Der Wolf als Vermittler

Der Wolf im Wolfs-Schamanismus lässt sich nicht mit dem Krafttier Wolf vergleichen, das man in einem Kartenset findet. Er hat in verschiedenen Kulturen einen ganz besonderen Stellenwert, und deshalb nenne ich ihn den Großen Wolf. Das Erstaunliche daran ist, dass er überall für ganz ähnliche Dinge steht, nämlich für Stärke, Schutz, Führung und Weisheit.

Mir ist dabei wichtig, dass der Große Wolf kein Vorrat ist, aus dem man sich bedient. Er ist ein Gegenüber, und die Beziehung zu ihm wächst mit der Zeit. In den alten Geschichten erscheint er vor allem als Vermittler. Er führt durch die Berge, rettet Verirrte und weist den Weg zu heiligen Orten, und in jeder dieser Szenen steht er zwischen zwei Welten und verbindet sie.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein kulturelles Grundprinzip, das ich kurz erklären möchte. Als im 6. Jahrhundert der Buddhismus nach Japan kam, hat er den einheimischen Kami-Glauben nicht verdrängt. Beide Traditionen sind über die Jahrhunderte miteinander verschmolzen, und deshalb arbeiten in vielen japanischen Geschichten buddhistische Schutzgestalten und Naturgeister wie der Wolf ganz selbstverständlich zusammen.

Yamato Takeru und der weiße Wolf

Die bekannteste Wolfslegende Japans ist mit dem Prinzen Yamato Takeru verbunden, einem Helden aus der Frühzeit, von dem die Chroniken des 8. Jahrhunderts erzählen. In der Chronik Nihon shoki verirrt er sich in den Bergen, und ein weißer Hund führt ihn wieder heraus. Die Schreine Mitsumine-jinja und Musashi-Mitake-jinja in der Region um Tokyo erzählen diese Geschichte in ihrer eigenen Überlieferung mit einem Wolf. Der Prinz soll den Wolf daraufhin gebeten haben, als Schutzgeist in diesen Bergen zu bleiben. Ich selbst war an beiden Schreinen.

So entstand die Verehrung des Wolfes als Ōguchi no Magami (大口真神), wörtlich der „wahre Kami mit dem großen Maul“. Beide Schreine geben bis heute Ōfuda mit dem Bild des Wolfes aus. Mehr dazu im Artikel „Ōkami · japanischer Wolf und Shinto“.

In diesen Zusammenhang gehört für mich auch der Fushimi Inari Taisha in Kyoto, den ich in meinem Buch als Wolfs-Schrein beschreibe. Verbreitet ist die Auffassung, die Figuren dort seien Füchse und Boten Inaris, und Inari wird oft sogar mit „Fuchs“ übersetzt. Das ist allerdings eine Fehlübersetzung. Meiner Ansicht nach sind die Figuren eigentlich Wölfe, und die Verwechslung hat wohl auch damit zu tun, dass der japanische Wolf dem westlichen Fuchs sehr ähnlich sieht.

Kūkai und die Wölfe im Schneesturm

Auch in den Erzählungen über Kūkai (774–835), den Begründer der Shingon-Schule, taucht der Wolf auf. Nachdem Kūkai aus China zurückgekehrt war, erhielt er einige Jahre später die Erlaubnis, auf dem Kōyasan im heutigen Wakayama ein Kloster zu errichten. Den Ort kannte er schon aus seiner Zeit als junger Asket. Auf dem Weg dorthin geriet er mit einigen Mönchen in einen Schneesturm, und die Mönche fürchteten, sie würden erfrieren. Kūkai ermunterte sie, das Mantra des Unerschütterlichen Weisheitskönigs Fudō Myōō zu rezitieren, der im Shingon und im Tendai als großer Schützer gilt und grimmig schaut, obwohl er sehr liebevoll ist. Nach einer Weile wurden sie von Wölfen umringt. Kūkai verstand das als Zeichen, und die Wölfe wärmten die Mönche und brachten sie sicher an den gesuchten Ort, an dem heute der Kongōbu-ji steht.

Bekannter ist eine andere Fassung, in der Kūkai einem Jäger mit einem schwarzen und einem weißen Hund begegnet. Dieser Jäger, der Kami Kariba Myōjin, führt ihn zur Bergherrin Niutsuhime, die ihm den Kōyasan überlässt. In alten japanischen Texten werden Hund und Wolf übrigens oft nicht scharf getrennt.

Der Wolf und der Mönch am Nariai-ji

Eine dritte Geschichte gehört zum Tempel Nariai-ji. Auf dem abgelegenen Berg, auf dem er heute steht, lebte einst ein Mönch, dem die Leute aus dem Dorf am Fuß des Berges regelmäßig Essen brachten. In einem Winter fiel so viel Schnee, dass niemand mehr zu ihm hinaufkam. Als er fast verhungert war, betete er zu Kannon, dem Bodhisattva des Mitgefühls, um Nahrung für nur einen weiteren Tag. Kaum hatte er die Bitte ausgesprochen, lag vor seiner Hütte ein Reh, das ein Wolf gerissen hatte.

Als buddhistischer Mönch durfte er eigentlich kein Fleisch essen. Da es ihm aber wie eine Antwort auf sein Gebet erschien, kochte er sich die Keulen und kam wieder zu Kräften. Als der Schnee geschmolzen war, stiegen die Dorfbewohner hinauf, fanden in seinem Topf Holzsplitter und bemerkten, dass die Oberschenkel seiner Kannon-Statue beschädigt waren. Erst da verstand der Mönch, was Kannon und der Wolf für ihn getan hatten. Er reparierte die Statue mit dem Holz aus dem Topf so sorgfältig, dass keine Spur mehr zu sehen war. Daher hat der Tempel seinen Namen, denn nariai bedeutet so viel wie „schön vollendet“.

Ein Nachfahre des Wolfes

Ich selbst war, was solche Geschichten angeht, lange ziemlich skeptisch. Während meiner etwa drei Jahre in Japan habe ich auch die Pilgerfahrt zu den 88 Tempeln von Shikoku gemacht, die auf Kūkai zurückgeführt wird. Es heißt, dass der Geist Kūkais jeden Pilger begleitet und mit wundersamen Ereignissen segnet. Gleich am ersten Tag hatte ich mich auf dem Weg zu Tempel Nr. 4 verlaufen. Als ich nach dem Weg fragte, tauchte ein Hund auf und zeigte ihn mir, und kurz vor dem Tempel verschwand er wieder. Das ist natürlich meine persönliche Erfahrung, aber seitdem sehe ich solche Legenden mit etwas anderen Augen.

Der Wolf und der Ort

Aus schamanischer Sicht ist der Wolf eng mit der ganzen Landschaft verbunden, mit dem Wald, den Bergen, dem Winter und der Stille. Von daher ist die Beziehung zum Wolf meiner Ansicht nach auch immer eine Beziehung zu dem Ort, an dem man selbst lebt. Wie die Begegnung mit dem Wolf in der schamanischen Praxis geschieht, beschreibe ich hier bewusst nicht als Anleitung. Mehr zum Hintergrund findest du im Artikel Trommel und Lebensbaum.

Der Große Wolf in drei Kulturräumen

Der Große Wolf ist nicht nur eine japanische Gestalt. Im Wolfs-Schamanismus vereint er die Kräfte aus drei Kulturräumen:

  • in Ostasien als Ōkami, der große Geist und Schutzgeist der Berge, mehr im Artikel Ōkami
  • in Afrika als Afrikanischer Goldwolf und in der Gestalt des Anubis als Schwellenwächter und Seelenführer, mehr im Artikel Goldschakal und Anubis
  • in Nordeuropa als Fenrir und im isländischen Wolfskreuz, mehr im Artikel Wolfskreuz und Fenrir

Jeder Kulturraum zeigt eine andere Seite desselben Wesens. Wer sich mit Kuji Kiri und den japanischen Schutzkräften beschäftigen möchte, findet bei der Japanese Grimoire Society und auf shingon-reiki.com weitere Zugänge. Welche der drei Legenden aus Japan berührt dich am meisten?

Dem Großen Wolf begegnen

Die Geschichten von Nariai-ji und Kūkai erzähle ich ausführlicher in meinem Buch „Der Meisterweg der Wolf-Schamanen“. Wenn du magst, schau dir in Ruhe an, wie der Weg bei Shamanic Worlds aussieht.

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Dr. Mark Hosak

Promovierter Japanologe · Wolfs-Schamane · Forscher und Praktizierender der Shingon-Tradition

Forschung in Japan · Arbeit mit der Kōya-Linie · Besuche der Wolfsschreine Mitsumine und Musashi-Mitake · über 30 Jahre Praxis, über 25 Jahre beruflich tätig.

Eileen Wiesmann

Historikerin M.A. · Schamanin · Mentorin

Forschungsschwerpunkt japanische Volksmagie und daoistisches Ritual.