Die Wu · Schamanen
im alten China
Das chinesische Zeichen 巫 zeigt zwei Figuren, die sich zwischen Himmel und Erde treffen. So sah China vor dreitausend Jahren den Schamanen · und das Zeichen ist unser Logo.

Wer in einem chinesischen Museum die Schildkrötenpanzer der Shang-Dynastie betrachtet, sieht die ältesten Zeugnisse chinesischen Schamanismus. Auf diesen Panzern, die zwischen 1300 und 1046 vor Christus mit glühenden Bronzestäben erhitzt wurden, um die Risse als Orakel zu lesen, begegnen wir den Wu (巫) – den Schamanen des alten China. Sie sind die ältesten namentlich dokumentierten spirituellen Praktizierenden der chinesischen Geschichte. Und sie sind die Wurzel dessen, was später als Daoismus eine Weltreligion wurde.
Dieser Artikel vertieft ein Thema aus der Daoismus-Übersicht „Daoistischer Schamanismus · Wu, Innere Alchemie, Unsterbliche" auf.
Das Zeichen 巫
Das Schriftzeichen für Wu ist eines der ältesten überhaupt. In den Shang-Orakelknochen-Inschriften ist es belegt. Es zeigt in seiner ursprünglichen Form zwei Figuren, die sich an einer vertikalen Achse begegnen. Die Achse verbindet oben und unten – Himmel und Erde. Die Figuren sind der Wu und das geistige Gegenüber, das er ruft. Das Zeichen ist ein bildhaftes Konzept dessen, was Schamanismus ist: die Begegnung zwischen der Welt der Menschen und einer anderen Welt an einer vertikalen Achse.
Für Shamanic Worlds ist dieses Zeichen zentral. Es ist unser Logo-Kanji. Es verbindet die ostasiatische Tiefe unserer Arbeit mit dem universellen Prinzip des Schamanismus.
Die Funktionen der Wu
Was taten die Wu konkret? Archäologische Funde und frühe Texte geben Hinweise:
- Ahnen-Befragung · die wichtigste Funktion · der König befragte über die Wu die Ahnen bei allen wichtigen Entscheidungen
- Orakel mit Schildkrötenpanzern und Tier-Schulterblättern · durch Erhitzen entstanden Risse, die als Antwort gelesen wurden
- Regen-Rituale · in Dürre-Zeiten tanzten die Wu oder sogar verbrannten sich selbst symbolisch, um Regen herbeizuführen
- Krankheits-Bannung · bei Krankheit wurden böse Geister gerufen und ausgetrieben
- Begegnung mit Göttern · in Trance konnten die Wu mit Himmelsgottheiten sprechen
- Gesang und Tanz · rituelle Bewegung war zentral, nicht Nebensache
Besonders interessant: in frühen Texten gab es männliche und weibliche Wu. Die weiblichen Wu (genauer nüwu) waren besonders für Geister-Kommunikation zuständig. In späteren konfuzianischen Schriften wurden die Wu zunehmend negativ dargestellt – oft als „bloß" weiblich und damit verdächtig. Diese Verachtung ist eine spätere Entwicklung. In der frühen Schicht sind die Wu respektierte Figuren am Hof.
Der König konnte ohne die Wu nicht regieren. Jede größere Entscheidung wurde durch sie gelaufen · und jede Entscheidung, die ohne sie getroffen wurde, galt als gefährdet.
Der Schritt des Yu
Eine der faszinierendsten Überlieferungen betrifft den Yubu (禹步), den „Schritt des Yu". Der mythische Große Yu war ein Kulturheld, der die Wasserläufe Chinas ordnete. Er ging mit einem besonderen, hinkenden Schritt – nach mythologischer Erzählung wurde er bei seiner Arbeit so erschöpft, dass er nicht mehr gerade gehen konnte.
Dieser Schritt wurde zu einem rituellen Muster. Daoistische Priester führen den Yubu bis heute bei bestimmten Zeremonien aus. Der Schritt imitiert den Sternenhimmel – eine Konstellation nach der anderen wird mit dem Fuß „besucht". Der Praktizierende wird dadurch zu einer kleinen Kopie des kosmischen Schreitens.
Der Yubu ist historisch mit den frühen Wu verbunden. Er ist vielleicht die älteste überlieferte rituelle Schrittfolge der chinesischen Tradition. Aus ihm leiten sich viele spätere Muster ab – auch der Kreislauf-Gang des Bagua Zhang trägt Spuren davon. Siehe dazu Bagua Zhang · der Kreis als schamanische Kampfkunst.
Die Wu und die chinesischen Weltkarten der Seele
In den Wu-Traditionen entstanden auch die ersten chinesischen Konzepte dessen, was eine menschliche Seele ausmacht. Die Unterscheidung von Hun (魂, „himmlische Seele") und Po (魄, „irdische Seele") – zwei Seelenanteile, die beim Tod getrennte Wege gehen – ist aus dieser frühen Schicht erhalten geblieben. Der Wu war der Spezialist, der wusste, wie man mit beiden umging, wie man im Trance-Zustand in die Welt der Hun reiste und wie man die Po stabilisierte.
Die Verschiebung zum Daoismus
Mit der Zeit verschob sich die Rolle der Wu. In der Zhou-Dynastie (ab 1046 v. Chr.) wurden die alten schamanischen Praktiken zunehmend systematisiert. Schriftliche Texte ersetzten mündliche Überlieferung. Hierarchien bildeten sich. Aus den unabhängigen Wu wurden spezialisierte Priester, Astrologen, Arzt-Priester. Als der philosophische Daoismus mit Laozi und Zhuangzi (6.-4. Jh. v. Chr.) entstand, gab er der alten Wu-Praxis eine neue Sprache.
Der organisierte religiöse Daoismus ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. nahm viele Wu-Elemente auf. Talismane, Beschwörungen, Ahnenarbeit, Geister-Kommunikation – all das lebte in daoistischen Formen weiter. Der moderne daoistische Priester ist in vielem ein Nachfahre der alten Wu, auch wenn er selbst das nicht immer so sieht.
Die Wu heute
In bestimmten ländlichen Regionen Chinas – besonders in Südwestchina, bei den Volksgruppen der Miao, Yao und anderen – haben sich schamanische Traditionen erhalten, die noch deutlich erkennbar Wu-Züge tragen. Schamanen arbeiten dort mit Trance, mit Gesang, mit Ahnen-Kommunikation, in einer Form, die eng mit dem verwandt ist, was vor 3000 Jahren die Wu taten.
Für westliche Praktizierende sind diese Traditionen schwer direkt zugänglich. Aber ihr Geist lebt im breiteren daoistischen Schamanismus weiter, in den Körperkünsten, in den Fu-Talismanen, in der meditativen Arbeit mit Qi.
Die Wu bei Shamanic Worlds
In der Praxis bei Shamanic Worlds sind die Wu kein historisches Thema, sondern ein lebendiger Hintergrund. Das Zeichen 巫 als Logo, die Trance-Trommel-Arbeit, die Ahnen-Anrufung, der Körper als Instrument – all das steht in ihrer Linie. Wer mit dem daoistischen Strang arbeitet, arbeitet implizit auch in der Tradition der Wu.
Die Wu-Wurzel berühren
Die daoistisch-schamanische Arbeit geschieht im Rahmen des Wolfs-Schamanen Meisterwegs.