Schamanismus allgemein20. April 2026 · 9 Min Lesezeit

Wesenheiten und Geister ·
Wer oder was sind sie wirklich?

In jeder schamanischen Tradition begegnen sie: Krafttiere, Ahnen, Wesen aus der Oberwelt oder Unterwelt, Lwa, Kami, Shikigami. Verschiedene Namen – aber sind sie das Gleiche? Eine Übersicht die hilft, den eigenen Erfahrungen Struktur zu geben.

Wesenheiten Geister Schamanismus · schamanische Praxis nach Dr. Mark Hosak
Wesenheiten Geister Schamanismus · schamanische Tradition

Jeder der ernsthaft schamanisch praktiziert erlebt früher oder später: da ist jemand oder etwas. Nicht man selbst. Nicht Einbildung – dafür zu präzise, zu unerwartet, zu verändernd. Aber was? Ein Toter? Ein Gott? Ein Krafttier? Die Frage taucht auf. Die Antworten verschiedener Traditionen sind unterschiedlich. Doch es gibt Muster.

Acht große Kategorien

Quer durch die schamanischen Kulturen lassen sich acht Kategorien unterscheiden. Nicht absolut – die Übergänge sind fließend. Aber als Orientierung tragfähig.

1 · Ahnen

Verstorbene der eigenen Familienlinie oder Gemeinschaft. Fast jede Kultur kennt sie. Ihre Stimme ist meist konkret, auf Klärung und Versöhnung hinzielend, familiär. Wenn ein Ahn sich meldet, ist oft etwas in der Linie unvollständig geblieben.

2 · Krafttiere

Eigenständige Tierwesen die als Begleiter erscheinen. Nicht der verstorbene Haushund. Wesen in Tiergestalt mit Lehraufgabe. Wolf, Rabe, Fuchs, Jaguar, Falke – je nach Kontinent unterschiedliche Vorlieben, aber das Prinzip ist universell.

3 · Ortsgeister

Wesen die an einen konkreten Ort gebunden sind. Quellgeister, Berggeister, Baumgeister. In Japan die Kami. In Europa die alten Genien der Orte – vergessen aber nicht verschwunden. Mit ihnen arbeitet man am Ort, nicht im Wohnzimmer.

4 · Götter und Bodhisattvas

Große geistige Archetypen mit eigenem Namen und eigener Geschichte. Im Voodoo die Lwa. Im Shinto die Kami der höheren Ordnung (Amaterasu, Susanoo). Im ägyptischen Schamanismus Horus, Isis, Ra. Im Shingon die Bodhisattvas und Myoo.

5 · Elementarwesen

Wesen die eines der Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) verkörpern. Im Europäischen Traditionen bekannt als Gnomen, Undinen, Salamander, Sylphen. In anderen Kulturen oft undifferenzierter als „Naturgeister" benannt.

6 · Helfende Geister ohne klare Kategorie

Wesen die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Kommen, helfen, gehen wieder. Oft einmal im Leben zu einer bestimmten Aufgabe. Manche Schamanen verstehen sie als Gesandte höherer Kräfte. Andere als Splitter des eigenen höheren Selbst. Die Praxis zeigt: die Zuordnung ändert an der Wirkung nichts.

7 · Störende oder hungrige Wesen

Nicht alles was sich meldet ist helfend. Unerlöste Tote die hängen bleiben. Niederträchtige Wesen die sich an emotionaler Energie nähren. Negative Besetzungen nach Trauma. Die Arbeit mit ihnen erfordert Erfahrung und klare Methoden – nicht Angst, aber auch nicht Naivität.

8 · Gefährliche Mächte

Wenige aber real. In manchen Traditionen benannt als Dämonen im eigentlichen Sinn. Seltene, aber reale Begegnung für die erfahrene Ritualpraxis. Ohne Tradition nicht zu bearbeiten.

Wie unterscheidet man sie?

Das ist die zentrale praktische Frage. Wenn etwas auftaucht – wie weiß ich was es ist? Einige Kriterien aus der Tradition:

  • Wie kommt es? Auf Einladung oder ungeladen? Ungeladen ist nicht automatisch schlecht, aber verdient mehr Prüfung
  • Was will es? Fragt es nach Energie, nach Erlaubnis, nach Beachtung? Oder bietet es etwas an?
  • Wie ist die Stimmung nach der Begegnung? Heller und klarer – oder erschöpft und diffus? Helfende Wesen hinterlassen Klarheit
  • Lässt es sich mit ritueller Grenzsetzung ruhig halten? Wenn ja – es ist zumindest kooperativ. Wenn nein – Vorsicht
  • Ist es bekannt in einer Tradition? Bekannte Wesen (Lwa, Kami, Krafttiere) sind besser zu handhaben als völlig unidentifizierte

Die schamanische Haltung

Eine Grundhaltung die sich in allen seriösen Traditionen wiederfindet:

Nicht naiv sein. Nicht ängstlich sein. Neugierig, aber verbindlich.

Wer nach oder bei schamanischen Begegnungen den Eindruck bekommt „da ist etwas das mir hilft und mich hebt" – gut, wahrscheinlich ist es das. Wer den Eindruck bekommt „da ist etwas das mich zieht und benutzt" – genauso wahrscheinlich ist es das. Die eigene Wahrnehmung ist ein präziserer Indikator als man manchmal denkt. Vorausgesetzt man achtet auf sie.

Warum verschiedene Kulturen unterschiedliche Begriffe haben

Einige der Begriffe die wir an verschiedenen Stellen finden:

  • Kami (Japan) · sehr breites Spektrum von Ahn bis Natur-Wesen bis Gottheit
  • Lwa (Voodoo) · spezifische Familien von Geistwesen, klar benannt und gruppiert
  • Shikigami (Onmyodo) · durch Ritus gebundene oder gerufene Helfer
  • Vettir (Nordeuropa alt) · „die Wesen" · umbrella term für viele Arten
  • Krafttier (modern schamanisch) · Tierhelfer als Oberbegriff
  • Allies (nord-amerikanisch) · „Verbündete" im Castaneda-Vokabular
  • Shen (Daoistisch) · „Geist" in einem weiten energetischen Sinn

Jede Kultur hat ihre feinsten Unterscheidungen dort gemacht wo sie am meisten praktizierte. Haiti hat eine feinere Grammatik der Geistwesen als Schottland – weil die Voodoo-Tradition lebendig ist, während die schottisch-keltische fragmentiert wurde. Das sagt nichts über die Realität der Wesen aus. Nur über die Präzision der Sprache.

Wo wir in der Shamanic-Worlds-Praxis stehen

In der Wolfs-Schamanen-Linie arbeiten wir mit mehreren Traditionen. Das hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil: die Erfahrung aus mehreren Systemen schärft die Wahrnehmung. Der Nachteil: man muss präzise sein in dem was man tut. Man kann nicht in einem Ritus mit nordischen Ahnen beginnen und mit haitianischen Lwa enden.

Unsere Haltung: jede Tradition wird in ihrem eigenen Rahmen geehrt. Wenn wir mit Maman Brigitte arbeiten, arbeiten wir nach haitianischen Regeln. Wenn wir mit dem Wolf arbeiten, nach nordeuropäisch-schamanischen Regeln. Wenn wir mit Kami arbeiten, nach japanischen Regeln.

Das ist weder Synkretismus aus Faulheit noch Reinheits-Fanatismus. Es ist schlicht Respekt vor der Tradition. Und es funktioniert deutlich besser als die Versuche die man in New-Age-Kreisen häufig sieht: alles verschwimmen lassen bis nichts mehr klar ist.

Arbeit mit Geistwesen im Meisterweg

Die Begegnung mit Krafttieren, Ahnen, Lwa, Kami ist Kernstück der Wolfs-Schamanen-Tradition. Rituell gefasst, nicht wahllos.

Verwandte Artikel

Dr. Mark Hosak

Promovierter Kunsthistoriker für Ostasien · Forscher und Praktizierender der Shingon-Tradition · Wolfs-Schamane · Vodou-Initiierter

Drei Jahre Forschung an der Kyoto University · Shikoku 88-Tempel-Pilgerweg · über 30 Jahre Praxis in Wolfs-Schamanismus, Voodoo, ägyptischem und japanischem Schamanismus.

Eileen Wiesmann

Historikerin M.A. · Doktorandin · Schamanin · Mentorin

Religionshistorikerin mit Forschungsschwerpunkt Daoistisches Ritual in japanischer Volksmagie.